Markus, seit über 10 Jahren arbeitest du als Personal Trainer und Therapeut. Wann und warum kamst du auf die Idee, Online Training anzubieten? Erst seit der Coronakrise oder schon vorher?
Ich hatte den Gedanken schon vorher. In den letzten zwei Jahren wuchs das Angebot ja enorm, allerdings war da auch viel Schrott bei. Dies entsprach bisher nicht meinem Anspruch als Therapeut. Ich verstehe meine Funktion als Personal Trainer vor allem in der direkten Korrektur von Bewegungen. Das ist meiner Ansicht nach beim Online Training ohne direkten Zugriff nur bedingt möglich. Natürlich geht es verbal, aber die taktile Reizgebung ist und bleibt für mich im Personal Training unverzichtbar.
Hast du deine Kunden gefragt, um von normalem Training auf Onlinetraining umzustellen oder einfach beides, klassisches 1:1 Training und Online Training angeboten?
Erst als sich die Situation zugespitzt hat und der öffentliche Druck stieg, habe ich gefragt. Ich darf zwar bisher über meine Funktion als Therapeut am "Kunden" noch offline arbeiten, dennoch nutzen bereits ca. 25 Prozent meiner Kunden das Online Trainingsangebot. Ich sehe es vor allem als Möglichkeit für Bestandskunden, die bereits ausreichendes Bewegungsverständnis von mir vermittelt bekommen haben. Neukunden würde ich nicht ausschließlich über Online Training betreuen. Es fehlt einfach die Option direkt eingreifen zu können, um Sicherheit sowie Vertrauen beim aufzubauen.
Wie haben deine Kunden darauf reagiert? Offen, erfreut, skeptisch, neugierig?
Ein Teil durchweg positiv, vor allem offen, neugierig und dankbar für die Möglichkeit. Der andere Teil hat es von vorneherein abgelehnt und ausgeschlossen. Argument: Ich werde gerade für die gemeinsame "Körperarbeit" bezahlt! Für mich nachvollziehbar…
Wie ist der Ablauf des Onlinetrainings?
Zu 98 % gleich gegenüber meinen normalen Einheiten. 2 % der Session beschäftigen sich mit einer kurzen Technikkontrolle sowie Positionierung. Alles andere versuche ich komplett gleich ablaufen zu lassen. Funktioniert erstaunlich gut…
Machst du nur 1:1 oder auch Gruppentraining online?
Ich mache 1:1 Training, Paartraining und Kleingruppentraining (max. 1:5) als Online Training.
Mit welchen Tools arbeitest du? Hardware und Software?
Laptop (MacBook), IPhone, LogiTech Webcam, Stativ, Bluetooth-Box, FlatScreen. FaceTime, Zoom Pro.
Musstest du für das Onlinetraining eine Neuinvestition tätigen?
Ja, für das Stativ und die Webcam.
Welches sind deiner Meinung nach die Vorteile von Online Training?
Es ermöglicht mehr Flexibilität beim Training im Urlaub und/oder auf Geschäftsreisen vom Kunden oder mir. Das bedeutet weniger finanzielle Ausfälle. Zudem erhöht es die Bindung des Kunden an den Personal Trainer, da man ihn quasi "immer dabei" hat. Zudem sehe ich eine stärkere Verbindlichkeit und einen möglichen Zusatzverdienst zum Training. Ich biete zum Beispiel 30 minütige "Sprechstunden" zusätzlich zum Training an.
Wo siehst du Probleme?
Für mich ist und bleibt es nur eine Ergänzung. Es fehlt die taktile Kontrolle, die Wirkung von guter Berührung/Korrektur. Zudem beeinflusst ein persönliches Training viele Ebenen, nicht nur visuelle und auditive. Was ebenfalls schwieriger ist: Man muss bei der Bildschirm-Kommunikation noch besser, passender, genauer und ausführlicher Anweisungen geben. Dabei sollten die Anweisungen/Anleitungen nicht länger dauern, da sonst der Kunde in seiner Konzentrationsfähigkeit abdriftet.
Wie gehst du mit diesen Problemen um?
Ich versuche sie grundsätzlich zu lösen sowie als Chance zu begreifen, besser und vielseitiger/souveräner zu werden.
Was sind deine Zukunftspläne?
Auf keinen Fall werde ich hier viel Invest reinlegen bzw. diesen Bereich ausbauen. Meine Stärke und Qualität liegt im klassischen 1:1 am Kunden. Ich werde jetzt drei bis fünf zirka 10 – 20 minütige Sequenzen professionell abfilmen und gestalten lassen, um den Bestandskunden zusätzlichen Input mit auf Reisen etc. zu geben. Aber keinesfalls werde ich mich im Streaming-Geschäft orientieren. Das können andere bereits besser bzw. würde es zu viel Zeit beanspruchen.
Ich versuche das Setting zwar professioneller zu gestalten (Licht, Umfeld, Sound etc.), denke aber nicht, dass klassisches Personal Training abgelöst wird und man hier jetzt umsatteln muss/sollte– ganz im Gegenteil!
Es hängt weiterhin vom Klientel ab, das man versucht anzusprechen. Möchte man die breite Masse ansprechen, sollte man die momentanen Entwicklungen sicherlich aufmerksam verfolgen. Möchte man weiterhin qualitätsorientiertes und zahlungskräftiges Klientel ansprechen, sollte man meiner Meinung nach sein Geld eher in hochwertige Fortbildungen investieren.



