Was du gleich erfahren wirst:
Was klärt ein Personal Trainer, bevor er mit dem Training von Best Agern oder Senioren beginnt?
In der umfassenden Anamnese vor Trainingsaufnahme werden Vorerkrankungen abgeklärt. Themen sind Gelenke, Wirbelsäulen- oder Rückenerkrankungen, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und die Medikamenteneinnahme. Oft ist insbesondere durch Beta-Blocker und Blutverdünner der Puls entsprechend künstlich runtergefahren – derjenige darf also nicht so stark belastet werden.
Ebenfalls vorab geklärt werden individuell gefühlte Unsicherheiten und sportliche Vorlieben. Gibt es Ängste hinsichtlich irgendwelcher Bewegungsformen, zum Beispiel dass du dabei hinfallen könntest? Bestehen Ängste aufgrund von Vorerkrankungen, etwa bei Diagnose Herzschwäche die Furcht vor Überlastung?
Für mich als Trainerin ist besonders wichtig vorab zu klären: Existieren ärztliche Anweisungen oder Vorgaben hinsichtlich sportlicher Betätigungen bzw. der Trainingsaufnahme? Gerade hatte ich den Fall, dass ein Kunde erst vor kurzem einen Stent gesetzt bekommen hat. Dann muss Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden.
Sind die medizinischen und psychologischen Aspekte geklärt und wir entscheiden uns gemeinsam für den Trainingsbeginn, gibt es zudem konkrete praktische Maßnahmen vor jeder Unterrichtseinheit. Sie sollen das Sicherheitslevel von Übungen maximieren. Zum Beispiel sollten Teppiche und andere potentielle Stolperfallen aus dem Trainingsbereich geräumt werden. Ebenfalls dazu gehört für mich ein gutes, individuell angepasstes Aufwärmen und die gezielte Gelenk- und Wirbelsäulenmobilisierung.
Gibt es spezielle Hilfsmittel, die die Sicherheit beim Training mit älteren Kunden steigern?
Auf überteuerte Spezialhilfsmittel kann man getrost verzichten. Eine normale Wohnungseinrichtung bietet in der Regel viele Möglichkeiten zur Steigerung der Sicherheit und kann problemlos in das Training integriert werden.
Einrichtungsgegenstände wie Stühle, Sofas und Kissen steigern die Sicherheit beim Training mit älteren Kunden. Kissen dienen zum Beispiel als Polsterung der Kniegelenke bei Übungen im Vierfüßler-Stand.
Apropos Vierfüßler: Beim Ausdauertraining Nordic Walking dienen die Stöcke nicht nur der Erhöhung des Muskeleinsatzes und der Effizienz, sondern bei Senioren zudem der Unterstützung des Gleichgewichts.
Beim Indoor-Seniorentraining sind stabile Stühle und Sofas ein sicherheitserhöhendes Hilfsmittel. Stuhllehnen können als Nothalterung eingesetzt werden. Das heißt, der Stuhl wird herumgedreht, so dass die Lehne als Stütze dient, wenn sie gebraucht wird.
Ein konkretes Beispiel zum Thema Stützen und Sicherheitsmaßnahmen aus meinem Arbeitsalltag: Gleichgewichtsübungen mit dem Balance Pad, einem quadratischen Kissen aus festerem Schaumstoff: Man stellt sich ohne Schuhe darauf, um etwa den Ein-Bein-Stand zu trainieren. Das Pad macht die Sache zu Übungszwecken etwas wackliger.
Sicherheitsvorkehrungen sind: Das Balance Pad vor eine Sofa-Rückenlehne legen, mit dem Sofa im Rücken des Übenden. Rechts und links ist jeweils eine hohe Stuhllehne in enger Nähe. Er oder sie ist also umgeben von Haltemöglichkeiten. Ich stehe als Trainerin vor dem Übenden und kann jederzeit zupacken. Das erhöht die Sicherheit zusätzlich.
Wann arbeitet ein Personal Trainer beim Seniorentraining mit speziellen Sicherheitsmaßnahmen?
Eigentlich möglichst immer. Sicherheit ist beim Seniorentraining der wichtigste Aspekt.
Generell gilt für Senioren bei Übungen im Stehen: die Füße etwas breiter aufstellen für mehr Gleichgewicht und Stabilität (Richtmaß: etwas mehr als hüftbreit). Kannst du allerdings überhaupt nicht gut stehen und hast Gleichgewichtsstörungen, trainieren wir zunächst gemeinsam im Sitzen oder mit den oben genannten Haltemöglichkeiten, bis die entsprechenden Fähigkeiten reaktiviert sind.
Den Einsatz von Sicherheitsmaßnahmen und Hilfsmitteln passe ich stets an die individuelle körperliche Konstitution und das Alter meines Sportlers an: Ein 67-jähriger gilt bereits als Senior, ist aber in der Regel fitter als ein 85-jähriger Senior.
Man kann die tollsten Trainingspläne anfertigen: Wenn derjenige sich davon aber überfordert fühlt, müssen die Übungen so angepasst werden, dass sie für den Senior sicher durchführbar sind. Als Personal Trainerin habe ich dahingehend eine große Verantwortung auch gegenüber angehörigen Partnern, Kindern, und Enkelkindern. Oft sind dies zudem meine ersten Kontaktpersonen.
Wie passt ein Personal Trainer das Training an die individuellen Bedürfnisse der Klienten an?
Ich erläutere das hier konkret anhand eines individuellen Praxisbeispiels. Die Angehörigen einer älteren Dame kontaktierten mich, da sie nach einem Sturz eine Panikstörung entwickelt hatte: Sie fürchtete sich, zu Stehen und zu Gehen obwohl sie es physisch durchaus konnte. Um diese Dinge wieder angstfrei zu lernen, waren besonderes Einfühlungsvermögen und viel Kreativität meinerseits gefragt.
Wir begannen in einer Ecke des Raumes zunächst mit dem Aufstehen an der stabilen Wand. Auf den sicheren Stand folgte der Schritt nach vorn. Als nächstes arbeiteten wir mit einem Rollstuhl, in den ich mich setzte, damit sie mich darin über den Flur schob. Mein zusätzliches Gewicht wirkte stabilisierend und ich konnte durch kontrolliertes Bremsen vom Rollstuhl aus das Tempo regulieren. Ich wurde also quasi zu einem interaktiven Rollator. Zugleich hatte dieser Rollentausch den psychologischen Aspekt der Bemächtigung: Die Klientin empfand sich nicht länger als defizitär. Denn nun war ich die Patientin, während sie die Kontrolle über ihre Bewegungsabläufe sprichwörtlich Schritt für Schritt zurückeroberte.
Am Ende unseres gemeinsamen Trainings konnte meine Sportlerin selbständig allein mit Rollator wieder gehen. Dieses Extrembeispiel zeigt das Spektrum der Anpassungsmöglichkeiten an die individuellen Erfordernisse der Situation und die Bedürfnisse der Klienten. Das Passendmachen von Übungsvariationen, Kreativität, Flexibilität und nicht zuletzt Erfahrungswissen sind auf Seiten der Personal Trainer gefragt. Diese Dinge lernst du nicht im Sportstudium.
Was sind Warnsignale, auf die Personal Trainer und Best-Ager-Kunden beim Training achten sollten?
- Atemnot
- hochroter Kopf
- Schmerzen
- Taumel / Schwindel
- insgesamt: Überforderung
Um solche Dinge möglichst zu vermeiden gelten u.a. folgende Vorsichtsmaßnahmen:
- Thema Gleichgewicht und verlangsamte Reaktionsfähigkeit: Keine schnellen Drehungen, keine schnellen Kopfbewegungen und kein schnelles Hochkommen aus der Hocke oder Rückenlage
- Alle Übungen dem Tempo der Sportler anpassen
- Pausen einlegen
Gibt es Notfallmaßnahmen und wie sollte ein Personal Trainer dafür ausgebildet sein?
Generell gilt: Das Wetter stets im Auge behalten. Ist es besonders heiß, gegebenenfalls auf das Training verzichten, beziehungsweise nicht im Freien in der Hitze trainieren, da sonst die Gefahr eines Kreislaufkollaps droht.
Individuelle Vorkehrungen sind je nach Vorerkrankung zu treffen. Beim Training mit Diabetikern im Freien heißt das konkret: das Blutzuckermessgerät mitzunehmen sowie Traubenzucker und Wasser.
Notfallmaßnahmen sind zum Beispiel, den Best Ager oder Senioren hinsetzen oder hinlegen, wenn es ein Kreislaufproblem gibt. Ein Glas Wasser reichen, auf die ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Ausgebildet ist der Personal Trainer insofern, als er einen aktuellen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat. Besonders beim Seniorentraining achte ich darauf, immer ein Handy dabeizuhaben, um Hilfe herbeizurufen, sollte die Situation es erfordern.
Glücklicherweise läuft auch das Training mit Best Agern und Senioren in der Regel rund. Einen Notfall hatte ich in meinen 20 Jahren Berufserfahrung noch nicht. Und so soll es gerne bleiben.