Die Welt ist ungerecht. Auch in Sachen Sport – so scheint es zumindest. Die Einen nehmen sich 100 Mal vor, regelmäßig ins Gym zu gehen und landen stattdessen 80 Mal auf der Couch. Andere dagegen sind sportlich so diszipliniert wie manch Profisportler. Was nur steckt dahinter? Haben sportlich erfolgreiche Menschen ein "Ich werde täglich eisern Sport treiben"-Gen? Oder haben Sie sich den Sportsgeist quasi antrainiert?
Stehaufmännchen und -fräuleins
Ein wenig Licht ins Dunkel dieser Frage bringt eine Forschungsrichtung, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommt; auch öffentliche, nämlich in der Burnout-Debatte. Weltweit untersuchen Soziologen, Psychologen und Genetiker, weshalb manche Menschen selbst schwerste Krisen und Rückschläge überstehen, während andere davon dauerhaften Schaden nehmen. Diese Wiederaufsteher-Qualitäten werden als Resilienz bezeichnet, was so viel bedeutet wie psychische oder innere Widerstandskraft. Resilienten Menschen geht es unter Druck wie einem Bambus im Wind: Das Gras wird vom Wind hin und her gerissen – doch es bricht nicht. Stattdessen richtet es sich bald wieder auf.
Untersucht wurde das Phänomen der Resilienz beispielsweise an hunderten Kindern, die unter widrigsten Umständen aufwuchsen, an KZ-Überlebenden, amerikanischen GIs und anderen Gruppen. All jene Menschen, die trotz schlimmster Umstände und Erlebnisse wieder in ein gesundes Leben zurückfinden, scheinen ganz bestimmte, gut entwickelte seelische Eigenschaften und Haltungen zu verbinden. Und die haben in doppelter Hinsicht auch etwas mit Sportsgeist und sportlicher Disziplin zu tun.
Klassiker der inneren Widerstandskraft
Über einige Resilienzfaktoren sind sich die Wissenschaftler heute einig. Zu diesen Kernfaktoren zählen realistischer Optimismus, Empathie, Akzeptanz, Emotionssteuerung, Impulskontrolle, Netzwerkorientierung und die Fähigkeit zur Kausalanalyse, was man auch schlichtweg als logisches Denken bezeichnen kann. Seelisch widerstandfähige Menschen verfügen zudem über ein hohes Maß an geistiger und emotionaler Flexibilität. Und sie sind davon überzeugt, dass ihr Handeln auch Früchte trägt – dies wird "Selbstwirksamkeitsüberzeugung" genannt. Diese Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist auch das Gegenteil von einer dauerhaften Opferrolle. Das Verlassen dieser Opferrolle ist damit ein weiterer wichtiger Faktor für innere Stärke und Balance.
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"Mein Einsatz macht Sinn"
Während manche Forscher ganz ausdrücklich physische Fitness zu den Resilienzfaktoren zählen, ist der Aspekt Sportsgeist oder Sportlichkeit in den meisten Resilienzfaktoren eher versteckt zu finden. Nehmen wir beispielsweise die "Selbstwirksamkeitsüberzeugung". Wer regelmäßig und über Jahre Sport treibt, muss schon ein gewisses Vertrauen darin haben, dass er seine sportlichen Ziele auch erreicht. Und sei es, dass er es durchhalten wird, 30 Minuten zu joggen. Verfolgt man als Sportler größere Ziele, ist eine starke Selbstwirksamkeitsüberzeugung unverzichtbar. Wie sonst sollte man monate- und jahrelang trainieren, um einen ausdefinierten, muskelösen Körper oder eine Triathlon-taugliche Fitness zu haben? Dieser Aspekt ist eng verbunden mit einem weiteren Resilienzfaktor: Sinnhaftigkeit. Dahinter steckt die Einstellung: Mein Einsatz und mein Ziel machen für mich Sinn. Mit anderen Worten: Man muss schon wissen, wofür man Sport macht. Wer sich dies immer wieder vor Augen führt, hat bessere Chancen, sein Vorhaben auch umzusetzen.
Ablenkungen widerstehen
Resilienzforscher sprechen von "Impulskontrolle", wenn Sie die Fähigkeit zur Beherrschung plötzlicher Bedürfnisse oder Reize meinen. Wie wichtig das für sportliche Disziplin ist, liegt auf der Hand. Denn wer für den Abend das Training im Gym vorgesehen hat, der darf sich weder vom kuscheligen Sofa, der nervigen Anfahrt oder der schicken Bar einen Strich durch die Rechnung machen lassen. Und wer als Early Bird schon vor dem Job joggen will, der wirft den Wecker im Morgendämmern besser nicht aus dem Fenster.
Gut mit sich umgehen
Um in Sachen Sport über Jahre am Ball zu bleiben, braucht es auch ein gehöriges Maß des Resilienzfaktors "Selbstfürsorge". Meist will man sich ja etwas Gutes tun, nämlich seiner körperlichen Verfassung, aber auch der seelischen. Wenngleich Sport viel mit Selbstüberwindung und manchmal auch mit Selbstgeißelung zu tun hat: Meist treibt man Sport, weil er einem gut tut.
Die "richtigen" Ziele verfolgen
In den gesetzten sportlichen Zielen und ihrer systematischen Verfolgung findet sich die "Zielorientierung" aus der Resilienzforschung wieder. Ihr positiver Gegenspieler ist der Resilienzfaktor "Empathie". In diesem Fall Empathie für sich selbst. Sie hilft, zumutbare Ziele und Grenzen zu setzen, sich nicht zu überfordern und zu schaden. Das macht Zielorientierung, Selbstfürsorge und Empathie zu einem gesunden Trio.



