Die gute Nachricht zuerst: Innere Widerstandskraft, die sogenannte persönliche Resilienz, kann jeder Mensch entwickeln. Resilienz ist erlernbar, ja, man kann sie förmlich trainieren. Darin sind sich Forscher aus Psychologie, Soziologie, Medizin und Genetik heute einig.
Um diese "Gretchen-Frage" kommt keine Diskussion über seelische Widerstandskraft herum: Welchen Einfluss haben unsere Gene auf die individuelle Resilienz? Experten gehen davon aus, dass die Gene maximal 50 prozent Einfluss auf unsere seelische Widerstandskraft haben; die anderen 50 Prozent hängen von der persönlichen Lebensweise ab: unseren inneren Überzeugungen, Sichtweisen und Handlungsstrategien. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass bis zu 70 Prozent unserer Wiederaufsteher-Qualitäten unabhängig von unseren Genen sind.
Hinzu kommt, dass selbst die Wirksamkeit von Genen – die Genaktivität – beeinflussbar ist. Das zeigt die Epigenetik seit den 2000er-Jahren eindrucksvoll. Will heißen: Selbst bei "schlechten" genetischen Voraussetzungen ist meist eine Kompensation möglich, die zu einem guten "seelischen Immunsystem" führen kann.
Lange galten in der Forschung sieben klassische Resilienzfaktoren als Voraussetzung für hohe Widerstandsfähigkeit. Doch es hat sich viel getan in der Resilienzforschung. Mittlerweile werden von manchen Experten auch Faktoren wie "Achtsamkeit", "Empathie" und "Humor" zu diesem wichtigen Rüstzeug gegen schwere Krisen gezählt. Und das zu recht.
Die moderne Resilienzforschung begann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Vor allem in den letzten zwei, drei Jahrzehnten hat sich unsere Welt auf eine so drastische und von enormer Schnelligkeit gekennzeichneten Weise verändert, wie der moderne Mensch es noch nie erlebt hat: Digitalisierung, Globalisierung, Industrie 4.0 sind nur einige Stichworte hierzu. Es haben sich somit auch die Rahmenbedingungen für die menschliche Resilienz verändert.
Im Grunde erlebt es fast jeder von uns am eigenen Leib und an eigener Seele: Wir können kaum mehr Schritt halten mit den immer neuen Veränderungen und Anforderungen des noch jungen 21. Jahrhunderts. Ein zeitdiagnostisches Phänomen ist seit Jahren Buzz Word in den Medien: der Burnout, das emotionale Ausbrennen eines Menschen. Mittlerweile ist vollkommen berechtigt auch vom drohenden Burnout der gesellschaftlichen Systeme die Rede.
Folgerichtig steigt das Interesse der Menschen daran, was uns innere Stärke verleihen kann. Denn neben den zeitlosen Themen von Trennungen, Verlusten, Scheitern bis zu tödlichen Erkrankungen sind wir alle auch den erschwerten Bedingungen der VUKA-Welt ausgesetzt: "V" für Volatilität, sprich: permanente Instabilität; "U" für Unsicherheit; "K" für Komplexität und "A" für Ambiguität/Ambivalenz, also Mehrdeutigkeit.
Man könnte sagen, der Begriff Resilienz ist seit einigen Jahren das neue Buzz Word. In den Medien und als Inhalt von Seminaren und Trainings für Unternehmen und ihre Mitarbeiter; denn auch die Wirtschaft hat das Thema längst für sich erkannt. Gleiches gilt für Coaches in Feldern wie Mental-Coaching, Stressmanagement, Burn-Out Vorsorge oder Work-Life-Balance.
14 Resilienzfaktoren für unsere VUKA-Welt
Aus den klassischen sieben Resilienfaktoren sind aus meiner Sicht heute 14 geworden. Diese Erweiterung und Differenzierung hat vor allem mit einem gewachsenen, wissenschaftlichen Verständnis unserer seelischen Widerstandskraft zu tun. Vielleicht bedarf es heute aber auch eines komplexeren Systems aus resilienzfördernden Eigenschaften, Strategien, Techniken und Haltungen, gerade weil unsere VUKA-Welt diese Kräfte nahezu täglich so sehr herausfordert. Die 14 VUKA-Welt-Resilienzfaktoren© Dr. Kai Kaufmann 2017:
Faktor 1: Emotionssteuerung
Die eigenen Gefühle wahrnehmen und durch geeignete Techniken und Strategien steuern; dies ist nicht zu verwechseln mit Emotionsunterdrückung. Eine hohe Emotionssteuerung ermöglicht es, auch unter Druck ruhig zu bleiben
Faktor 2: Impulskontrolle
Konzentriert und diszipliniert die eigenen Aufgaben und langfristigen Ziele verfolgen, ohne sich von plötzlichen Impulsen steuern oder ablenken zu lassen.
Faktor 3: Kohärenzgefühl
Das eigene Leben und seine Herausforderungen werden als verstehbar, handhabbar und sinnhaft wahrgenommen. Die Überzeugung, angemessene Ressourcen zur Bewältigung von Rückschlägen und Krisen zu haben. Die persönliche Investition von Energie in ein Vorhaben als sinnvoll betrachten. In den 1970er-Jahren fand der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky ein Gefühl von "Kohärenz" als zentralen Faktor für die Entstehung von Gesundheit – ein früher Meilenstein auch für die Resilienzforschung. (Aaron Antonovsky, Salutogenese).
Faktor 4: Kausalanalyse
Zusammenhänge logisch analysieren können. Die Fähigkeit, intelligente, treffende Schlussfolgerungen zu ziehen und Lernerfolge zu erzielen.
Faktor 5: Selbstwirksamkeitsüberzeugung
Die Überzeugung, dass das eigene Handeln das Erreichen von Zielen unterstützt und ermöglicht. Verantwortung für seine Handlungen übernehmen anstatt eine Opferrolle einzunehmen. Diese Haltung ermöglicht einen großen Einsatz für Aufgaben, Herausforderungen und Ziele.
Faktor 6: Realistischer Optimismus
Die Überzeugung, dass sich die Dinge positiv entwickeln bzw. zum Guten wenden werden. Dies geht einher mit einer realistischen Einschätzung der Situation.
Faktor 7: Empathie
Wer empathisch ist, kann sich in die Lage und Empfindungen eines anderen Menschen einfühlen. Einen weiteren Aspekt stellt die Empathie für sich selbst dar – die eigenen Gefühle und Wünsche wahr- und annehmen. Es ist Voraussetzung dafür, auch mit sich selbst verständnisvoll und nachsichtig umzugehen.



