Hilft Bewegung beim ME/CFS-Syndrom?

Long-COVID Hilft Bewegung beim ME/CFS-Syndrom?

Bislang war das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) nur Wenigen bekannt. Doch seit die Spätfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 immer mehr Menschen betreffen, ist auch die nicht-enden-wollenende Erschöpfung nach einer Infektion ein Thema für die breite Öffentlichkeit. Wie kann Bewegung helfen, wenn man kaum noch Kraft hat?

Was du gleich erfahren wirst:

Was sind die langfristigen Auswirkungen von Long-COVID?

Long-COVID äußert sich hauptsächlich durch das sogenannte "Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom" (ME/CFS). Dieses Syndrom findet sich auch bei vielen neurologischen Erkrankungen. Das „Chronische Fatigue Syndrom“, das sich vor allem als eine andauernde starke Erschöpfung ausdrückt, ist schon seit vielen Jahren ganz unabhängig von den Langzeitfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 bekannt.

Ein charakteristisches Merkmal von ME/CFS ist die sogenannte "Post-Exertional Malaise" (PEM). Darunter versteht man eine erhebliche und langanhaltende Verschlimmerung aller Symptome nach einer Erkrankung. Diese Reaktion setzt schon nach geringer körperlicher Anstrengung wie etwa einem Spaziergang um den Block ein. Dasselbe gilt für geringe geistige Anstrengungen oder emotionale Belastungen. 

PEM führt zu starker Schwäche, neurologischen oder grippeähnlichen Symptomen und einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes.

Daten deuten darauf hin, dass auch Long-COVID-Patienten ähnlich auf Belastung reagieren. Fast 75 Prozent aller Personen mit Long-COVID litten auch nach sechs Monaten immer noch unter PEM.

Ich selbst habe bei der Therapie von Long-COVID-Patienten auch Symptome wie Schwindel, kognitive Einschränkungen, Schmerzen und Atemprobleme beobachtet. Meine Patienten sind oft kaum belastbar und dementsprechend sehr deprimiert aufgrund der starken Beeinträchtigung ihres Alltags.

Wie kann Bewegung helfen bei der Rehabilitation von Long-COVID-Patienten?

Manche Menschen mit Long-COVID können von jeglicher Art körperlicher Aktivität profitieren. Bei anderen kann sie eher kontraproduktiv sein, die Symptome können sich verschlimmern. Daher sollte körperliche Aktivität mit Vorsicht und hoher Aufmerksamkeit eingeführt werden, um sicherzustellen, dass Rehabilitationsprogramme zur Genesung beitragen und die Symptome während und nach der Aktivität nicht verschlimmern.

Die Rehabilitation bei Long-COVID sollte eine Aufklärung über die schrittweise Wiederaufnahme alltäglicher Aktivitäten beinhalten. Wobei das Tempo die aktuellen Symptomgrenzen angemessen berücksichtigen sollte.

Sogenannte autonome Dysfunktionen wie Atemnot, Herzklopfen, Erschöpfung, Brustschmerzen, Schwindelgefühle oder Ohnmacht können die Belastungstoleranz bei Menschen mit Long-COVID beeinflussen.

Bei Vorliegen solcher autonomen Dysfunktionen können folgende Maßnahmen erwogen werden: 

  • Atemarbeit
  • ROM-Übungen in Rückenlage 
  • isometrische Übungen 

Wenn sich die Symptome stabilisieren, sollte ein Ausdauertraining unterhalb der maximalen Belastungsgrenze (submaximales Ausdauertraining) durchgeführt werden, das an die Symptome angepasst ist

Bei einer Verschlimmerung der Symptome nach Belastung gilt: Stoppen. Ruhen. Pacing (Aktivitätsmanagement). Das Aktivitätsmanagement und die Überwachung der Herzfrequenz können das Selbstmanagement im Rahmen des Rehabilitationsansatzes unterstützen.

Wenn diese Maßnahmen beachtet werden, kann Bewegung dazu beitragen, Patienten schrittweise in den Alltag zurückzuführen.

Welche gesundheitlichen Vorteile bietet Bewegung für Long-COVID-Patienten?

Angemessene Bewegung führt oft zu einer Linderung der Symptome und kann einen weitgehend symptomfreien Alltag ermöglichen. Der Körper kann sich in jedem Zustand anpassen und reagiert auf Belastungsreize mit Anpassungsprozessen.

Dies bedeutet, dass Nerven, Muskeln, Bänder usw. sich anpassen und dadurch weniger sensibel, stärker und widerstandsfähiger werden. Diese Anpassungen sind besonders wichtig für Long-COVID-Patienten.

Insbesondere das submaximale Ausdauertraining verbessert die Lungenfunktion und reduziert die Atembeschwerden meiner Patienten.

Wie beeinflusst Bewegung die Atemfunktion bei Long- COVID -Patienten?

Eine COVID-19-Infektion kann nicht nur Schäden an der Lunge und dem Atmungssystem verursachen. Sie wird überdies mittlerweile als eine Erkrankung betrachtet, die Schäden an mehreren Organen verursachen kann. Untersuchungen belegen, dass das SARS-CoV-2-Virus auch die Atemmuskulatur selbst betrifft, indem es über spezifische Rezeptoren in den Körper eindringt.

Selbst nachdem die Infektion abgeklungen ist, bleibt häufig eine Schwächung der Atemmuskulatur bestehen. Sowohl Patienten, die im Krankenhaus waren als auch solche, die keinen Krankenhausaufenthalt hatten, können bis zu zwei Monate nach der Infektion unter Atemnot leiden.

Atemnot tritt auf, wenn entweder die Kapazität der Atemmuskulatur reduziert oder der Atembedarf erhöht ist. Der derzeitige Atembedarf beansprucht bereits die gesamte Kapazität der Atemmuskulatur.

Durch das Training der Atemmuskulatur können folgende Vorteile erzielt werden:

  • Verminderung der Atemnot, Kurzatmigkeit (Dyspnoe) und Ermüdung (Fatigue)
  • Verbesserung der Atemfunktion
  • Steigerung der Belastungstoleranz
  • Verbesserung der Alltagsfunktionen
  • Unterstützung der Entwöhnung von maschineller Beatmung
  • Verbesserung der Lebensqualität

Welchen Einfluss hat Bewegung auf das psychische Wohlbefinden bei Long-COVID?

Die Vorteile von körperlicher Aktivität auf das psychische Wohlbefinden sind bei Long-COVID-Patienten genauso bedeutsam wie bei gesunden Personen. Allerdings ist Long-COVID ein Zustand, den sich die Betroffenen oft nicht erklären können, da selbst einfache Aktivitäten wie das Treppensteigen genauso erschöpfend sein können wie ein Marathonlauf für gesunde Menschen. Dies führt häufig zu einer eigenständigen Isolation vom sozialen Leben. Dies wiederum kann zu Depressionen und anderen psychischen Problemen führen. 

Es ist erwiesen, dass Bewegung eine der führenden Strategien bei der Behandlung von Depressionen ist. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023, die 41 Studien mit insgesamt 2544 Teilnehmern umfasste, ergab, dass eine aktive Trainingsbehandlung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine signifikante Wirkung auf Depressionen hatte. Bei Long-COVID werden zudem spezifische Maßnahmen empfohlen, die das soziale Leben und den mentalen Gesundheitszustand unterstützen.

Wie verbessert Bewegung die kognitiven, verstandesmäßigen Funktionen bei Long-COVID?

Es gibt leider nur begrenzte wissenschaftliche Daten zu diesem Thema. Bei gesunden Menschen kann körperliche Aktivität die kognitiven Funktionen verbessern. Daher geht man davon aus, dass dies auch bei Long-COVID-Patienten der Fall ist. Aus meiner eigenen Erfahrung mit meinen Klienten habe ich festgestellt, dass Bewegung in Kombination mit kleinen Denkaufgaben oft sehr hilfreich ist. Ich habe bisher sehr positives Feedback erhalten.

Deshalb mein Tipp: Fordere dich selbst mit Denkaufgaben heraus, kombiniere einfache Bewegungen mit Aufgaben oder mache Gleichgewichts- und Koordinationsübungen. Darüber hinaus kann Krafttraining die verstandesmäßigen Funktionen des Gehirns in allen Altersgruppen verbessern.

Welche Bewegungsformen stärken das Immunsystem bei Long-COVID?

Es gibt meines Wissens keine direkten Daten zum Zusammenhang zwischen dem Immunsystem und Long-COVID. Bekannt ist aber, dass regelmäßige körperliche Aktivität und Training nachweislich eine wirksame Präventionsmaßnahme gegen verschiedene übertragbare Krankheiten sein können. 

Grundsätzlich gilt: Körperliche Aktivität (mindestens 150 Minuten pro Woche mit moderater Intensität) kann das Risiko für Infektionen um bis 31 Prozent senken. Dabei spielt die Art der Bewegung keine Rolle.

Darüber hinaus reduziert der gleiche Umfang an körperlicher Aktivität die Sterblichkeitsrate um 37 Prozent. Ausdauertraining oder eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining erhöhten in einer Studie die Aktivität mehrerer Immunmarker im Vergleich zu einer inaktiven Kontrollgruppe.

Es kann davon ausgegangen werden, dass auch bei Long-COVID-Patienten ähnliche Anpassungen im Immunsystem auftreten. Die beste Methode, sich vor Long-COVID zu schützen, heißt aber immer noch: eine COVID-19-Infektion vermeiden.

Gibt es spezifische Trainingsprogramme für Long-COVID-Patienten?

Es gibt spezifische Trainingsprogramme und Leitfäden, um die Alltagsfähigkeiten bei Betroffenen von Long-COVID wiederherzustellen. Ich werde mich auf die Gemeinsamkeiten dieser Trainingsprogramme beschränken und sie in den vier P's zusammenfassen, die die grundlegenden Regeln sind, die ich bei betroffenen Personen strikt anwende. Jedes P steht für eine dieser Regeln:

  • Pace: Dieser Begriff – siehe oben: Pacing – bedeutet hier Energiemanagement. Bei der Rehabilitation sollten Verschlechterungen der Symptome oder das Auslösen von Symptomen vermieden werden. Falls sich die Symptome verschlechtern, sollte unbedingt eine Pause eingelegt und erst wieder mit dem Training begonnen werden, wenn die Symptome abgeklungen sind und ein tolerierbares Niveau erreicht ist.
  • Planen: Führe anstrengende Aktivitäten dann aus, wenn du über die meiste Energie verfügst. Plane Pausen aktiv ein. Zwischen anstrengenden Aktivitäten sollten mindestens 24 bis 72 Stunden liegen, damit dein Körper genügend Zeit zur Erholung hat.
  • Priorisieren: Analysiere, welche Aktivitäten du unbedingt wieder ausführen möchtest. Richte dein Training darauf aus.
  • Positionieren: Schaffe eine Situation, in der du dich vollkommen auf die Aktivität konzentrieren kannst, um die meiste Energie dort einzusetzen, wo du sie am stärksten benötigst.

Diese Grundregeln helfen dir dabei, das Training und die Rehabilitation bei Long-COVID effektiv zu gestalten und deine Alltagsfähigkeiten schrittweise wiederherzustellen.

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